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Ein großer Brauner

Wird Kärntens Name aus dem Keltischen abgeleitet, so steht er für "Das Land der Befreundeten". Der Klagenfurter Cafetier Ernst Lerch, der bereits in den 30er Jahren Chef des nationalsozialistischen Sicherheitsdiensts (SD) war, bevor er an der Seite von Odilo Globocnik Karriere im Reichssicherheitshauptamt machte, richtete sich als besonders guter Habschi der Kärntner Nazi-Seilschaft, unter Freunden ein.

Lerch, 1914 in Klagenfurt geboren, gehörte zum engsten Kreis um Odilo ("Globus") Globocnik und dessen Clique in der illegalen Kärntner NSDAP. Die Duzfreundschaft der beiden sollte bis zu Globocniks Zyankali-Tod im Mai 1945 währen. Obwohl sich Lerch die andauernden Beförderungen, die ihm auf Betreiben von "Globus" den Rang eines SS-Obersturmbannführers einbrachten, in Zeugenbefragungen in den 60er Jahre nicht mehr erklären konnte, blieb er an allen Einsatzorten Globocniks rechte Hand und "völlig sein Mann".

Lerchs Nazi-Karriere nimmt ihren Anfang in Paris, wo er zu Beginn der 30er Jahre kellnert und zum Stammgast des "Deutschen Klubs" avanciert, bevor er der NSDAP beitritt. Zurück in Österreich sucht er Kontakt zur SS und findet so Zugang zu dem Zirkel um Ernst Kaltenbrunner, Odilo Globocnik, Franz Kutschera und Friedrich Rainer. Die Sympathien sind beidseitig; bereits 1936, inzwischen zum SS-Obersturmführer ernannt, übernimmt Lerch die Leitung des illegalen SS-Sicherheitsdienstes für Kärnten. Auch privat laufen die Dinge gut: als Besitzer eines Klagenfurter Caféhauses, wird er zu einer gewissenhaften Informationsquelle über mehr oder minder politische Gespräche in seiner Gaststube. Im August 1938 läuten Lerch die Hochzeitsglocken, seine Trauzeugen: die langjährigen Kumpanen Globocnik und Helmuth Pohl - Lerchs späterer Mitangeklagter im Klagenfurter Kriegsverbrecherprozess von 1972. Das 38er Jahr wird aber auch auf politischer Ebene zum Meilenstein in seiner Vita: der lang ersehnte Anschluss gekommen, der SD erfolgreich aufgebaut, steht einer weiteren Karriere beim Reichssicherheitshauptamt (kurz RSHA) nichts mehr im Wege.

Globocnik befiehlt- er folgt
Globocnik, inzwischen verkrachter Ex-Gauleiter von Wien, beordert seinen alten Spezi 1940 in den Distrikt Lublin, wo er als SS- und Polizeiführer mit der Planung und Durchführung der "Aktion Reinhardt" betraut worden war. In späteren Aussagen will Lerch vom Grund dieser Reise keine genauere Kenntnis gehabt haben, in einer Befragung durch das Bundesinnenministerium gibt er 1964 zu Protokoll: "Etwa im Juli dieses Jahres weilte ich über eine persönliche Einladung, des mir von früher her bekannten SS-Brigadeführers Globocnik in Lublin. () Die Einladung Globocniks hatte keine besonderen Hintergründe. Er hat meines Wissens nach viele Bekannte eingeladen, nach Lublin zu kommen." Doch von einem reinen Freundschaftsbesuch kann nicht die Rede sein, Lerch kommt und bleibt - zum persönlichen Adjutanten und Sturmbannführer ernannt - in Lublin.

Als Globocniks Stabsführer im "Judenreferat" ist Lerch ab Sommer 1940 an der Planung von Vernichtungsaktionen gegen Jüdinnen und Juden beteiligt. Mit Beginn des Jahres 1942 werden die drei Vernichtungslager der "Aktion Reinhardt" im Distrikt Lublin in Betrieb genommen: Belzec, Sobibor, Treblinka. In ihnen werden bis zum Abschluss der "Aktion Reinhardt" im Oktober 1943 mindestens 1,75 Millionen Juden und Jüdinnen ermordet. Im ebenfalls in Lublin errichteten Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek sterben bis zur Befreiung im Juli 1944 mindestens 200.000 Menschen.

In späteren Aussagen gibt sich Lerch ahnungslos; er sei nur für die Unterbringung der SS Mannschaften und deren pünktliche Versorgung mit Heimat-Post zuständig gewesen. Symptomatisch folgendes Zitat aus seinem Prozess Anfang der 70er: "Ich habe während dieser Zeit verschiedenes über solche Aktionen gehört. Ich habe mich aber stets bemüht nichts zu sehen und nichts zu hören. Mir ist wissentlich nichts bekannt ()." Seine Weggefährten aus dem RSHA erinnern freilich anderes: Franz Stangl, Kommandant von Treblinka und Sobibor, belastet ihn in Aussagen schwer, Max Runhof, Adjutant des Lagerkommandanten von Sobibor, gibt im Verhör an, dass Lerch die internen Dinge im Stab verwaltete, über die direkte Telefonverbindung zwischen Himmler und Globocnik habe er "eifersüchtig gewacht". Am 6. November 1942 befahl und überwachte Lerch, laut Aussage des SS-Mannes Herbert Worthoff, die Ermordung von 1000 Jüdinnen und Juden aus dem Rest-Ghetto von Majden-Tatarski im Wald von Krepjec.

Von der "Aktion Reinhardt" zum "Einsatz R."
Globocnik hatte sich im September 1943 erneut in ernsthafte Schwierigkeiten manövriert - es droht die Versetzung auf einen Posten in Russland. Mit Hilfe von Friedrich Rainer, Gauleiter von Kärnten, gelingt es ihm aber, die Strafversetzung in eine Abberufung nach Triest umzubiegen. An erster Stelle einer Personalliste für den zukünftigen Stab der SS- und Polizeiführung: Ernst Lerch. Als Personalbeauftragter Globocniks ist er dessen Stellvertreter und Kabinettchef, fast alle "geheimen Reichssachen" gehen über seinen Schreibtisch. Lerch erweist sich dabei als universal begabter Mann; egal welche Aufgabe ihm zufällt, er befiehlt und unterschreibt, rät und diszipliniert zur allgemeinen Zufriedenheit.

Dabei erschwert ihm der militante Widerstand die Arbeit, im besetzten Küstenstreifen zwischen Pula und Triest verhindern PartisanInneneinheiten eine Befriedung zur nationalsozialistischen Normalität. Hier, wo die Nazis den Angriff der Alliierten erwarten, kontrollieren 16.000 PartisanInnen zu Beginn der deutschen Besatzung für einen Monat lang Straßen, Brücken und Eisenbahnlinien. Sechs Provinzen Oberitaliens und Sloweniens werden daraufhin zwecks gesteigerter Kontrolle zur "Operationszone Adriatisches Küstenland" (OZAK) zusammengelegt, mit der Verwaltung wird Gauleiter Rainer betraut. Alles Weitere regelt die SS durch Terror Geiselerschießungen und das Niederbrennen ganzer Dörfer. Allein im Mai 1944 werden in sechs Dörfern im Prachini alle männlichen Bewohner erschossen. Die Aktionen laufen unter der Tarnbezeichnung "Einsatz R", vermutlich eine Folgebezeichnung der "Aktion Reinhardt". Als Koordinator der als "Bandenbekämpfung" bezeichneten Gewalt gegen die Zivilbevölkerung amtiert Lerch.

Ab nach Hause
An der Seite von Globocnik begibt sich Lerch kurz vor Kriegsende auf seinen persönlichen "Rattenweg" gen Heimat. In Kärnten wollen sie untertauchen und die weitere Entwicklung abwarten. Lerch ist dabei mehr Glück beschieden als seinem alten Chef, während sich dieser in britischer Gefangenschaft zum Biss auf die Zyankali-Kapsel entscheidet, gelingt Lerch die Flucht aus dem Internierungslager Wolfsberg. Bis 1949 bleibt er von der Bildfläche verschwunden, erst auf einer Stippvisite in seiner Heimatstadt Klagenfurt wird er verhaftet und wegen seiner Flucht aus der Kriegsgefangenschaft zu zwei Jahren Haft verurteilt. Aber schon nach wenigen Wochen befindet sich Lerch wieder auf freiem Fuß - es sollen seine einzigen Tage in Gefangenschaft bleiben.

Selbst erstaunt über die fehlenden Konsequenzen, bleibt der Ex-Sturmbannführer und reaktivierte Cafétier in Klagenfurt. In seiner Nachkriegsexistenz gilt er als angesehnes Mitglied der kleinstädtischen Gemeinschaft. Hin und wieder durch die Wiener Staatsanwaltschaft verhört, wird er meist in der Ruhe belassen, die er sich als unpolitischer Bürger nun wünscht. Erst 1972 kommt es zu einer Anklageerhebung gegen ihn und seinen früheren Untergebenen in Lublin, Helmut Pohl. Schon vor Prozessbeginn zeichnet sich ein Erfolg für die beiden Angeklagten ab der Verhandlungsort wird von Wien nach Klagenfurt verlegt. Ein Geschworenengericht soll über den braven Mitbürger Lerch urteilen - doch dazu kommt es nicht. Obwohl die Prozessakte inzwischen 60.000 Seiten umfasst, wird der Prozess wegen des millionenfachen Mordes an Jüdinnen und Juden während der "Aktion Reinhardt" auf unbestimmte Zeit vertagt und vier Jahre später auf Betreiben der Staatsanwaltschaft (!) eingestellt.

Die letzte Chance auf eine Verurteilung verflüchtigt sich Mitte der 80er Jahre. Hatte der Ministerialrat Dr. Karl Marschall noch 1975 für eine Wiederaufnahme des Verfahrens interveniert, versuchte er 10 Jahre später, inzwischen zum Generalanwalt für Straf -und Gnadenansuchen im Justizministeruíum aufgestiegen, eben diese zu hintertreiben: es dürfe für die Angeklagten keine ungünstigere Ausgangslage, als nach dem Gesetz des Tatorts entstehen. Lerchs Tatort ist Polen in den Jahren 1941 bis 1943, damals gilt das polnische Strafrecht aus dem Jahr 1932, und das sieht bei Mord eine Verjährung nach 25 Jahren vor. Lerchs Beteiligung an der Shoa, der geplante und durchgeführte Mord an über einer Million Menschen, gilt in Österreich als verjährt.